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DSDS vs. ESC

Lang ist es her, dass Stefan Raab mit seinen anarchischen Sendungen „Vivasion“ und „Ma’ Kuck’n“ einer der Lichtblicke im Programm des damals viel kritisierten neuen deutschen Musiksenders Viva war. Der dank Moderatoren wie Raab aber den Konkurrenten MTV doch das Fürchten lehren konnte, ihn zwang, ein eigenes lokales Programm aufzubauen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zwar hat MTV den ehemaligen Rivalen Viva mittlerweile geschluckt, doch nicht ohne vorher stark von ihm geprägt worden zu sein. Schon vor dem Kauf der Viva-Senderfamilie hatte MTV einige Talente wie Markus Kavka von dort abgeworben.

Stefan Raab hat mittlerweile ein Zuhause bei Pro7 gefunden und produziert eine Großzahl der Aushängeschilder „seines“ Senders. Und auch wenn Raab wie alle Stars mit Mainstream-Erfolg heute sehr viel braver ist als zu seinen frühen Viva-Zeiten, so ist er sich doch inhaltlich treu geblieben. Viele seiner Rivalitäten gehen noch auf seine Zeit bei Viva zurück, wo er seicht produzierte Dance-Produktionen wie Fun Factory oder DJ Bobo genauso veräppelte wie einheimische Gangsterrapper wie Moses Pelham, von dem er sich dafür auch schon mal eine blutige Nase holte. Die Kelly-Family waren stets ein leichtes Ziel für alle Komiker und Raab machte keine Ausnahme, was heute in eine freundschaftlich sportliche Rivalität mit Joey Kelly übergegangen ist. Und man mag es heute kaum glauben, aber Dieter Bohlen wurde (ebenso wie Jürgen Drews und andere deutsche Musikgrößen) von Raab regelrecht vorgeführt, und Raab trotzdem regelmäßig von Bohlen wieder in seine Villa eingeladen.

Bohlen produzierte zwar nach wie vor erfolgreich immer dieselbe Musik und es ging ihm finanziell bestens, aber ohne eigene Band oder eigene TV-Sendung war seine Medienpräsenz eher begrenzt. Die bestand zu der Zeit vornehmlich im Breitwalzen der Scheidung von Verona Feldbusch, heute Poth, die damit ihre eine Weile sehr erfolgreiche Karriere begründen konnte. Für die meisten Deutschen war Bohlen aber eher eine Witzfigur, musikalisch überschätzt und ohne viel aktive eigene Fans. Genau dieses Image zeigte auch Raab bei seinen Besuchen bei seinem Freund, den er freundlich (aber gnadenlos) veralberte.

Mittlerweile ist Bohlen dank „Deutschland sucht den SuperStar“ wieder voll da. Dazwischen gab es noch ein Comeback mit Modern-Talking-Kollegen Thomas Anders, aber noch mehr Aufmerksamkeit beschert ihm der Jury-Posten in mittlerweile mehreren Casting-Sendungen auf RTL, wo er eine ähnliche Rolle einnimmt wie Raab auf Pro7. Beide repräsentieren ihren Sender, beide setzen auf Lästerhumor und beide haben es mit ihren Sendungen in die Königsklasse der TV-Unterhaltung geschafft, die Samstagabend-Show. Dass Bohlen den Witz auf Kosten seines Gegenüber sucht, könnte er sich auch von Raab abgekuckt haben, schießt aber mit seiner späten Rache an Unbeteiligten etwas übers Ziel hinaus. Zwar werden beide regelmäßig wegen ihrer derben Scherze kritisiert (und zuweilen auch verklagt), doch ist Raab doch noch etwas sympathischer in seiner Rolle des netten Lästerers. Bohlen hingegen legt auf das Attribut „nett“ kaum großen Wert.

Das ist jedoch nicht der Grund, warum ich Bohlens Sendungen lange Jahre partout gemieden habe, vielmehr kann ich dem Konzept der Castingshow nichts abgewinnen. Die Ergebnisse dieser Sendungen sind aber auch an mir als Chartjunkie nicht vorüber gegangen. DSDS „erfreut“ den Musikfan regelmäßig mit sehr erfolgreichen Künstlern mit begrenzter Haltbarkeit. In anderen Worten, ein Nummer-1-Hit ist für DSDS-Absolventen quasi garantiert, aber außer Mark Medlock hatte kaum ein DSDS-Star auch den superlangen Atem, um sich über Jahre hinweg in den Charts zu behaupten. Anders der deutsche Castingshow-Pionier Popstars auf Pro7. Zwar ist die letzte Erfolgsband des Formats, Monrose, schon wieder einige Jahre alt und trotz anhaltendem Erfolg im Auflösen begriffen, doch immerhin traten sie in die Fußstapfen noch erfolgreicherer Bands wie BroSis oder den europaweit bekannten No Angels.

All diese Bands haben ihrem Erfolg durch Auflösung selbst ein Ende gesetzt, vielleicht auch um dem Musikmarkt zuvorzukommen. Der hatte wenig Gnade mit dem Comeback-Versuch der No Angels und favorisierte mittlerweile ihre „kleinen Schwestern“ Monrose. Deren Auflösung wiederum wie ein Versuch erscheint, den in Massen scheiternden Nachfolgerprojekten von Popstars bessere Chancen zu verschaffen. Popstars gehört nicht zu den Sendungen, die Raab produziert, vielmehr liefert sie ihm Material für seine Zapping-Sendung TV-Total, wo er sich über Ausschnitte aus Popstars lustig macht, damit aber dennoch dem Werbeauftrag des Senders nachkommt. So ist auch Raab in die Popstars-Maschinerie mit eingebunden, doch hat er auch eigene musikalische TV-Formate, die die Sender interne Konkurrenz in Sachen Erfolg mittlerweile deutlich hinter sich lassen.

Schon zu Viva-Zeiten nahm Raab erste eigene Singles auf und übertrug seinen anarchischen TV-Humor in die Songtexte. Zwar war er da noch nicht so erfolgreich wie Bohlen, aber immerhin stand sein eigener Name auf dem Cover der CDs, die er verkaufte, was ihm eine Präsenz verschaffte, die Bohlen verloren gegangen war. Und die letzte Nemesis von Raab, die ich oben unterschlagen habe, Ralph Siegel, spornte ihn an, den „Eurovision Song Contest“ zu bezwingen. Nach dem einen von Siegel produzierten Siegertitel „Ein bisschen Frieden“ von Nicole war weder Siegel noch sonst einem anderen deutschen ESC-Beitrag nennenswerter Erfolg gegönnt. Das wollte Raab ändern, zunächst mit einer seiner absurden Witznummern, die er als Alf Igel für den Comedy-Schlagersänger Guildo Horn schrieb.

Das mittlerweile herrschende Desinteresse der Stammzuschauer am ESC ermöglichte es, dass Raab-Fans das Lied mit ihren Anrufen bis zum Auftritt beim Wettbewerb schicken konnten, wo es erstaunlich erfolgreich war. Dementsprechend bekam Raab mit „Wadde hadde dudde da“ eine weitere Chance, seinen Nonsenshumor diesmal selbst beim Wettbewerb vorzuführen, die er nutzte und dem Erfolg Horns noch einen draufsetzte. Mit zwei Top10 platzierten ESC-Beiträgen hatte er zumindest den Siegel der letzten 10 Jahre alt aussehen lassen, aber Ziel war natürlich das Schlagen dessen Gewinnertitels. Und so veranstaltete Raab seine erste eigene Castingshow und setzte mit dem Publikumsgewinner Max Mutzke auf anspruchsvollere Töne. Leider kamen diese nicht so gut an wie die lustigen Vorgänger, woraufhin Raab das Vertrauen in den ESC als eine Sendung verlor, in der deutsche Musiksensibilitäten ernsthafte Chancen hatten. Seine Antwort war der „Bundesvision Song Contest“, bei dem jedes Jahr garantiert ein deutscher Beitrag gewinnt.

Danach kehrte alles zum Alten zurück, die Punktevergaben waren für den deutschen Zuschauer auch bei vermeintlich viel versprechenden Beiträgen nach Raabs Ausscheiden wieder eine Enttäuschung sondergleichen. Die hinteren Plätze der Nachfolger Max Mutzkes ließen dessen Platzierung im Nachhinein wieder wie einen Erfolg wirken.

Raabs weitere Casting-Formate erreichten zwar nicht den breiten Erfolg von DSDS, konnten aber, da sie das Hauptaugenmerk auf die Musik legten, längerfristig erfolgreiche Künstler etablieren. Für die ARD war Raab sowieso die einzige Hoffnung, den ESC für Deutschland zu retten, und so durfte er das offizielle ESC-Teilnehmer-Casting bei Pro7 ausrichten. Max Mutzke war damals bei Pro7 als Teilnehmer für die offizielle Auswahl in der ARD gecastet worden. Dieser zweite pro forma Schritt wurde 2010 übersprungen und die Siegerin des Pro7-Castings, Lena Meyer-Landrut, war automatisch die deutsche ESC-Teilnehmerin. Ihr Song „Satellite“ vereint die humorvoll beschwingte Seite von Musikproduzent Raab mit seiner seriös anspruchsvollen. Der Song ist erstaunlich gut, aber nicht zu gut, denn wie die Erfahrung zeigt, ist zu viel Niveau beim ESC eher deplatziert. Irgendwie ist Raab das Kunststück gelungen, das er sich Jahre zuvor nicht zugetraut hatte: Den deutschen und den ESC-Geschmack unter einen Hut zu bringen. Aus diesem Grund hatte ich dem Song gute Chancen auf eine hohe Platzierung unter den ersten Fünf zugemessen, an den ersten Platz hatte ich aber trotz der Vorschusslorbeeren durch die Wettbüros nicht geglaubt.

Um Siegel endgültig hinter sich zu lassen, muss Raab diesen Erfolg wiederholen. Wenn nicht in diesem Jahr, dann in einem der nächsten. Doch nun ist Lenas Titelverteidigung erstmal eines der großen Fernsehereignisse dieses Jahres. Genau eine Woche nach dem diesjährigen DSDS-Finale drängt sich erneut der Vergleich auf zwischen Bohlen und Raab und zwischen RTL und Pro7.

Auffällig bei DSDS ist, dass die Sendung kaum weibliche SuperStars produziert hat. Schon eine weibliche Finalteilnahme ist eher selten. Ganz anders bei Pro7 und Popstars: dort werden häufig von vorne herein Girlbands produziert und rein männliche Bands sind eher die Ausnahme. Genau andersherum als bei DSDS, aber natürlich auch durch das Format bedingt. Raabs eigene Casting-Sendungen suchen hingegen wie DSDS Solisten, und unter den Gewinnern finden sich mit Stefanie Heinzmann und Lena mehr weibliche Künstler. Daher war die Finalteilnahme von Sarah Engels ein Hoffnungsschimmer im männlich dominierten SuperStar-Lager. Klar, dass die letzte gescheiterte Popstars-Girlband LaVive Engels anfeuerte und sich wünschte, dass dort auch endlich mal wieder eine Frau gewinnt. Ebenso argumentierte Jurorin Fernanda Brandao, als sie in der vorletzten Sendung nach ihrem Favoriten gefragt wurde. Auch die anderen Jury-Mitglieder und das Publikum schienen den Sieg von Sarah Engels zu wollen, warum ist sie es also doch nicht geworden?

Der Moderator Marco Schreyl begann die Sendung mit der Begrüßung der Zuschauer, die sonst nie DSDS sehen und ich dachte noch, woher weiß er, dass ich eingeschaltet habe? Drübergezappt, ja, Beiträge zu DSDS im restlichen RTL-Programm, ja, aber nie eine ganze Sendung von Anfang an. Aber da ich nun mehr und mehr meiner Zeit dem DSDS geprägten RTL-Programm geopfert hatte, wollte ich auch Sarah Engels gewinnen sehen. Da war ich aber anscheinend einer von eher Wenigen, denn die Einschaltquote dieses DSDS-Finales blieb fast eine Million unter der des Vorjahres.

Die Sendung machte deutlich, dass die beiden Kandidaten singen können, aber nicht sehr viel mehr. Im Gespräch mit dem Moderator stießen beide, aber vor allem Lombardi, schnell an ihre Grenzen. Gut, dass Engels meist zuerst antworten durfte und Lombardi ihr dann nur noch zustimmen musste. Sarah Engels und ihr Konkurrent Pietro Lombardi sind außerdem ein Paar. Daher war es nach Engels Aussage auch nicht wichtig, wer von beiden gewinnt, der Abend sei auf jeden Fall ein schönes Erlebnis. Diese Bescheidenheit, die sie sich durch ihr frühes Ausscheiden in der ersten Motto-Show angeeignet hat, könnte ihrem Siegestraum einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Zu sehr von sich überzeugt, war sie wohl als Zicke verschrien, und musste ja wirklich dankbar sein, nochmal wiederkommen zu dürfen. Leider hat sie damit auch den ganzen jungen weiblichen Fans, die sowieso viel lieber für den süßen Pietro anrufen wollten, die nötige Absolution dafür erteilt. Vielleicht muss man weibliche Loyalität beständiger einfordern, aber andererseits hatten viele der weiblichen Fans wohl schon gar nicht mehr eingeschaltet, weil dieses Jahr nur ein männlicher Kandidat im Finale war. Das würde die niedrigere Einschaltquote erklären.

Lombardi hingegen ist Unterhalter, ein Clown, wenn man so will. In einem Eröffnungsbeitrag spielen Engels und Lombardi sich selbst und sagen mehr schlecht als recht ihren Text auf. Das zeigt erneut, warum es den DSDS-Teilnehmern doch irgendwo an Star-Talent fehlt, aber eine weitere Aussage von Engels, die Bohlen gleich darauf aufgreift, wird wieder zum Stolperstein. Ich glaube ja, dass ihre Bezeichnung Lombardis als Erdmännchen ihr in den Mund gelegt worden war, aber Bohlen legte den Scherz als Meinung aus und beschrieb die beiden Teilnehmer als eine tolle Sängerin mit großer stimmlicher Bandbreite und ein, „wie Sarah es ja gerade gesagt hat“, lustiges Erdmännchen, das die Leute unterhalten kann. Klingt so, als lobe er Engels in den Himmel, doch sichert er auch die Sympathie für Lombardi, macht ihn zum Underdog. Engels wirkt hingegen durch Bohlens Formulierung fast schon arrogant, als ob sie über Lombardi spotte. Damit fiel es sicher vielen Männern leichter, für Lombardi anzurufen. Er kann sich seine englischen Texte, die er nicht versteht, kaum merken, musste zur Teilnahme gezwungen werden und hat wie auch alle anderen nie an seine Finalteilnahme geglaubt. Eine Erfolgsstory wie aus dem Bilderbuch. Mit ihm kann man(n) sich identifizieren, und will man(n) wirklich, dass eine übertalentierte Frau gewinnt?

Aber diese Sympathielenkung seitens Bohlens war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Entscheidung fiel, als zuerst Engels und dann Lombardi den von Bohlen komponierten neuen Song zum aller ersten Mal performten. Zwei Kritikpunkte, die immer wieder an Engels geäußert wurden, sind, dass sie in den Coversongs ihre Vorbilder fast perfekt nachahmen kann, es ihr aber etwas an Individualität fehle, und, dass sie sich nicht auf der Bühne bewegen könne. Dementsprechend mag es für sie schwierig gewesen sein, einen neuen Song selbst zu interpretieren. Nach ihrem Auftritt äußerte sie sich bemüht lobend zu dem Lied, es ginge von den tiefen Tönen zu den hohen und ermöglichte es ihr so, ihre Range als Sängerin zu demonstrieren. Sie fühle sich außerdem zu Hause in dem Song, hätte ihn schon zu ihrem eigenen gemacht. Doch wem machen wir etwas vor? Bohlens neues Stück ist derselbe seichte Schund, den er schon seit Jahrzehnten über Wert verkauft. Lombardi mit seinem Talent als Stimmungskanone war tatsächlich viel mehr in dem Song zu Hause, machte ihn sich mehr zu eigen, weil er ihm wie auf den Leib geschrieben war.

Aber warum hat Bohlen, der Engels ständig über den grünen Klee gelobt hatte und der sie sogar nach ihrem Ausscheiden wegen ihres Talents wieder in die Sendung geholt hatte, einen Song komponiert, der Lombardi einen Vorteil verschaffte? Der Grund dafür wird deutlich an seinem „Lob“ für Engels Whitney-Houston-Cover, das sie in derselben Sendung performt hatte. Zwei Drittel seiner Bewertung bestand darin, auszubreiten, was für ein Wrack Houston mittlerweile sei, womit er wohl Engels gelungene Interpretation eines verglühten Sterns unterstreichen wollte, quasi besser als das Original. Aber seine einzige Aussage zu Engels selbst war, dass sie eine kleine deutsche Whitney Houston werden könne. Engels hatte mehrere Houston-Songs während dieser Staffel performt, sicher weil sie gut geeignet sind, ihre stimmlichen Fähigkeiten zu demonstrieren. In Houstons Fußstapfen treten zu können, müsste für sie einem Traum gleichkommen, aber bei Bohlen klang es eher schäbig, die Juniorversion einer Künstlerin mit begrenzter Haltbarkeit, über die man sich heute lustig macht. Also irgendwie auch ein DSDS-Star, hurra!

Tatsache ist, dass Bohlen niemals einen Song schreiben könnte, der Houstons Fähigkeiten gerecht werden würde, auch nicht der einer kleinen Houston. Sein Lästern über ihr Scheitern ist ein bitteres Eingeständnis seiner eigenen Beschränktheit als Komponist. Nachdem die beiden Finalisten ihre Interpretation des Bohlenwerks vorgeführt hatten, schätzten sowohl Brandao wie Bohlen das Zuschauervotum zu Gunsten Lombardis ein, eine Einschätzung, die ich leider teilen musste. Lombardi war nicht besser als Engels. Aber sein Auftritt war überzeugender, weil ihm Bohlens Stück einfach mehr lag.

Das Stück, mit dem Lena beim diesjährigen ESC antritt, ist anders als „Satellite“ nicht von Raab geschrieben. Da die erneute Vertretung von Deutschland beim ESC durch Lena bereits beschlossene Sache war, castete man bei Pro7 diesmal nicht den Künstler, sondern den Song. Vorgestellt wurden daher vor Lenas Auftritten auch nicht die (immergleiche) Interpretin, sondern der Song selbst und seine Komponisten, die erzählen durften, wie er entstanden war. Diese Idee gefiel mir sehr gut, aber nicht viele außer mir scheinen sich für die Menschen hinter dem Star zu interessieren. Und da die Auswahl in zwei Teilen ausgestrahlt wurde, wobei die erste Sendung bereits den Favoritensong enthielt, fielen die Quoten beim zweiten Teil nicht übermäßig gut aus. Dafür die Verkäufe des Albums und der einzelnen Lieder als Download. Man kauft etwas eben lieber, wenn man schon weiß, was man kriegt. Quotentechnisch also durchwachsen, aber eine gelungene Werbeaktion für die Musikabteilung.

Wichtig ist jedoch, dass Raab nicht den größtmöglichen Konsens sucht, sondern gerne mal andere Wege geht. Damit hat er schon viele neue Formate etablieren können. Außerdem gibt er seinem Star Lena die Möglichkeit zu wachsen, eigene Songs zu schreiben und mit anderen Komponisten arbeiten zu können. Raab steuerte viele Songs zum Album „Good News“ bei, aber nicht die Mehrheit. Damit sorgte er für stilistische Bandbreite und ließ dem Zuschauer eine echte Wahl, auch wenn die Interpretin schon feststand. Diese Wahl haben DSDS-Absolventen nicht wirklich, sie müssen Bohlen interpretieren. Und wenn sie nach dem Sieg nicht mit ihm zusammen arbeiten wollen, endet ihre Laufbahn noch schneller, als die eines üblichen DSDS-Kandidaten.

Der DSDS-Moderator resümierte gegen Endung des Finales, dass DSDS nicht nur eine Castingshow sei, sondern die oft sehr jungen Kandidaten auch ein Stück weit beim Erwachsenwerden begleite. Eine Sendung mit Bildungsanspruch also. An deren Ende es für den männlichen Kandidaten Pietro Lombardi dann hieß: Du bist SuperStar. Und für die weibliche Kandidatin Sarah Engels: Du darfst den SuperStar jetzt küssen. Die RTL-Traumhochzeit, nun mit Dieter Bohlen statt Linda de Mol. Ich jedenfalls war enttäuscht und es tat mir am Ende Leid um meinen TV-Abend. Aber andererseits konnte ich mir so auch endlich eine Meinung zu DSDS bilden.

Und ist RTL also doch der Teufel? Ich persönlich glaube nicht, dass das Fernsehen seine Zuschauer verdummt. Vielmehr glaube ich doch, dass wir genau das Programm kriegen, das wir verdienen. Gesendet wird, was ankommt, sonst wird es zügig abgesetzt. RTL ist so erfolgreich, weil es den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner anspricht. Der oft eher geringe Überschneidung mit dem größtmöglichen Niveau hat. Aber andererseits kann etwas, das so vielen gefällt, auch nicht vollkommen schlecht sein. Das Problem mit RTL ist auch nicht das Niveau, sondern der affirmative Charakter des Programms. Vielleicht bejaht RTL die bestehenden Zustände zu sehr, ohne sie herauszufordern. Raabs anarchischer Ansatz erlaubt ihm jedoch, neue Wege zu gehen. Er parodiert das Normale und versucht das Absurde. Das führt nicht immer irgendwohin. Aber zumindest kann man ja mal kucken, was es da noch so gibt.

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